Donnerstag, 24. September 2009

Du sollst töten

Heute morgen kam ich erst an Soldaten vorbei, die ihren Übungsmarsch absolvierten, dann an einem Militärfahrzeug, von dem aus die marschierenden Soldaten mit Getränken und Äpfeln versorgt wurden.

Ich dachte an Szenen zurück, als ich selbst noch Soldat war. Statt eines Getränkeversorgungswagens fuhr bei unseren Märschen ein Sanitätswagen hinter uns her, der jene aufsammelte, die unterwegs umgekippt waren. Statt Äpfeln gab es einen gebrüllten Anschiss und den Befehl zum Laufschritt, wenn wir zu langsam waren...

Noch während meiner Wehrdienstzeit habe ich übrigens nach acht Monaten Soldatendasein den Dienst an der Waffe verweigert. Vor 25 Jahren war das nicht ganz einfach. Es begann ein Weg durch die Instanzen mit entwürdigenden Auftritten vor Gewissensprüfungskomitees.

Glücklicherweise ist das heute anders. Zumindest in diesem Punkt hat der Staat ein wenig mehr Respekt vor Würde und Überzeugung eines Menschen gelernt.

Die grundsätzliche Verpflichtung aber ist geblieben (Zivil- und Ersatzwehrdienst bleiben subsidiär, Art. 12a Grundgesetz, § 1 Wehrpflichtgesetz).

Mit 18 Jahren unterliegen die Heranwachsenden in aller Regel noch dem staatlichen Jugendstrafrecht, gelten als noch nicht erwachsen und reif genug, um sich über Recht oder Unrecht eines Handelns wie das Töten eines Menschen gänzlich im Klaren zu sein. Im selben Alter jedoch weist der Staat sie an und trainiert sie darauf*, andere Menschen gegebenenfalls in seinem Auftrag zu töten. Denn das ist Teil des soldatischen Auftrags, und seit Jugoslawien oder Afghanistan längst auch für die Soldaten des "Nachkriegsdeutschlands" kein Abstraktum mehr. Zu jung, um für eine zivile Tötung vor Staat und Gesellschaft voll verantwortlich zu gelten, aber alt genug, um staatlich und gesellschaftlich legitimiert zu töten.

Vom Wehrdienst befreit sind übrigens ordinierte Geistliche evangelischen Bekenntnisses, Geistliche römisch-katholischen Bekenntnisses, die die Diakonatsweihe empfangen haben, und hauptamtlich tätige Geistliche anderer Bekenntnisse, deren Amt dem eines ordinierten Geistlichen evangelischen oder eines Geistlichen römisch-katholischen Bekenntnisses, der die Diakonatsweihe empfangen hat, entspricht (§ 11 Abs. 1 Wehrpflichtgesetz). Wer also das 5. Gebot ("Du sollst nicht töten") einhalten will, dem Nazarener und seiner Bergpredigt nachfolgen möchte, Jain oder Buddhist ist, aber kein ordinierter oder hauptamtlich tätiger Geistlicher ist, darf zwar nicht gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden (Art. 4 Abs. 3 GG), er unterliegt jedoch weiterhin grundsätzlich der Wehrpflicht (und muss ggf. Ersatzdienst leisten). Denn die genannten ordinierten bzw. hauptamtlichen Geistlichen sind nicht wegen ihres Glaubens befreit (welcher schließlich für Geistliche wie für "Laien" derselbe ist), sondern wegen ihres Amtes.

Für Staat und Gesellschaft macht es eben durchaus einen Unterschied, ob man ein Leben vor und für Gott amtlich führt oder nicht. Fast scheint es wie eine Absprache weltlichen und geistlichen Amtes: "Lehre du sie töten, ich lehre sie beten. Befreie du mich von der Pflicht vor dem Staate, ich befreie dich von der Pflicht vor Gott." Doch das sei - noachidisch-naiv wie immer bei Mentio - nur am Rande erwähnt.


*Das militärisch übliche Schießen auf "Pappkameraden" bedeutet psychologisch übrigens eine Konditionierung zur Reduzierung der Anwendungs-Hemmschwelle; m.a.W.: Je öfter man auf menschliche Erscheinungsbilder aus Pappe schießt (oder in Geländeübungen mit geschossloser Übungsmunition auf die als Feinde eingeteilten Kameraden), desto leichter fällt im Ernstfall das Schießen auf menschliche Erscheinungsbilder aus Fleisch und Blut, also das reale Töten. In der Diskussion um Gewaltspiele am Computer oder um den Paintball-"Sport" und Zusammenhänge mit Amokläufen spielt dieser unbewusste Trainingseffekt auf die Psyche junger, meist noch ungefestigter Heranwachsender eine Rolle. Dieselbe Konditionierung nutzt der Staat für dieselben Heranwachsenden in der Ausbildung zu Soldaten.

6 Kommentar(e) erwähnt:

michaela hat gesagt…

Du sollst töten?Was?Was für Idee ist das?

tom-ate hat gesagt…

Ein Amt wäscht das andere, oder so ähnlich

Thialfi hat gesagt…

Du hast sehr gut beschrieben, wie junge Soldaten, Männer, aber auch Frauen zu Mördern gemacht werden (können). Je nachdem wer es tut, ist das legal, illegal oder (im Fall gewaltverherrlichender Spiele) vielen auch scheissegal! Ich habe mir erlaubt, diesen Artikel auf Facebook zu verlinken, weil ich ihn für sehr lesenswert halten!

Liebe Grüße von Andrej

Noah hat gesagt…

Ob es eine bewusste Absprache war, tom-ate?

Vielen Dank, Andrej! Gibt es da einen direkten link zu Facebook? (Kenne mich damit nicht aus).

Herzliche Grüße an euch beide!

Thialfi hat gesagt…

Friede sei mit Dir, Noah! Einen direkten Link...öhm...kannich Dir nich sagen. Ich kenn mich mit so hin und her verlinken nich so aus. Da geht´s mir wohl ähnlich wie Dir ;-)
http://www.facebook.com/andrej.ohlmeyer?ref=name
Das ist meine Seite bei Facebook, wo meine Freunde durch mich mit Nachrichten und interessanten Links versorgt werden. Momentan dreht sich natürlich viel um die Wahlen, aber so is das nu mal o.O

Liebe Grüße und einen schönen Sonntach wünscht Dir,

Andrej

Noah hat gesagt…

Danke Andrej, und eine angenehme Woche!