Sonntag, 13. September 2009

Der vergessene Schatz

In unserem Viertel befand sich nach dem Krieg ein Barackenlager. Die Lagerstraße verlief damals genau über das heutige Grundstück, auf dem 1949/50 unser kleines Häuschen für den damaligen Rechtspfleger des hiesigen Amtsgerichtes errichtet wurde.

Vielleicht spielten zuvor auf dieser Lagerstraße ein paar Flüchtlingskinder mit ihren Schätzen: Murmeln aus Ton. Ein kleiner Junge übersah wohl eine seiner Murmeln, als seine Mutter ihn rief. So blieb die Murmel dort liegen...

Ich weiß nicht mehr, ob es nun in meiner in den vergangenen drei Wochen für die Kellerwandsanierung ausgeschaufelten Arbeitsgrube war, oder in einer der Arbeitsgruben unseres Schäferhundes Zoltan im Garten, jedenfalls fand ich diese Murmel aus Ton.



Unwillkürlich fiel mir ein Buch ein, das mich als junger Jugendlicher sehr bewegt hatte: "Ein Sack voll Murmeln" von Joseph Joffo.

Es erzählt die Geschichte des zehnjährigen Juden Joseph Joffo, der während des Zweiten Weltkriegs zusammen mit seinem zwölfjährigen Bruder Maurice durch Frankreich flieht. 1941, als Paris von den Deutschen besetzt ist, sind alle Juden gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Joseph und Maurice können nicht zur Schule gehen. Ohne die Eltern treten sie ihre lange Flucht an...

Wenn Sie auf einem Flohmarkt oder in einem Antiquariat dieses Buch einmal entdecken, dann sollten Sie unbedingt zugreifen und es lesen.

Ich selbst habe als Kind auch noch auf der Straße mit Murmeln gespielt. Sie waren aus Glas, bunt, und wahre Schätze. Damals wusste ich nicht, dass nur etwas mehr als zwei Jahrezehnte zuvor da mal irgendwo ein kleiner Junge war, dessen Schätze Murmeln aus Ton waren, und er wohl einen dieser Schätze vergaß, als seine Mutter ihn rief.

Heute ist es diese Murmel aus Ton, die mir ein kleiner Schatz ist, und die mich daran erinnert, wie brüchig doch die äußere Sicherheit unseres Lebens sein kann. Doch das sei nur am Rande erwähnt.

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