Sonntag, 21. Juni 2009

Gott - Was ist das?

Aus irgendeiner der vergangenen scobel-Sendungen auf 3sat ist ein Satz sinngemäß in meinem Kopf hängen geblieben:

Gott bringt die Schöpfung und mit ihr den Menschen hervor; der Mensch bringt Götter, und mit ihnen Gott hervor.

Von Ramakrishna Paramahamsa las ich mal:

"Niemand kann mit letzter Gewissheit sagen, das Gott nur „so“ ist und nicht anders. Er ist formlos und andererseits hat er Formen. Für den Bhakta nimmt er Formen an — für den Jnani ist er ohne Form. Brahman, absolutes Sein-Bewusstsein-Seligkeit, ist wie ein uferloser Ozean. Im Ozean entstehen bei starker Kälte hier und da Eisschollen. Ähnlich nimmt das Unendliche endliche Formen an, sozusagen unter dem kühlenden Einfuss der Hingabe des Gottesverehrers, und erscheint vor ihm als Göttliche Person. Doch wie beim Aufgehen der Sonne die Eisschollen im Ozean schmilzen, so geht mit dem Erwachen von Jnana die verkörperte Gottesform in das unendliche und formlose Brahman auf. Dann hat der Verehrer nicht mehr das Gefühl dass Gott eine Person ist, noch hat er dann Visionen von Gottes Formen. Doch vergiss nicht: Form und Formlosigkeit gehören ein und derselben Wirklichkeit an."

Über die Inhalte dieser beiden verwandten Aussagen ist sehr viel gesagt und geschrieben worden. Im Zuge der noch recht jungen Forschung um die evolutionäre Natur des Glaubens, aber auch der höchst spannenden Integralen Theorien, und vielem Weiteren zeitgenössischen Denkens wird die Möglichkeit neu auf's Tablett gebracht, dass es sich mit dem menschlichen Gehirn zu Geist, menschlichem Geist zu GEIST und Gott (menschlich-konzeptual) zu GOTT genauso verhalten könnte, wie mit dem Auge zum Licht - um diesen Gedanken Hoimar von Ditfurths adaptiv noch einmal aufzugreifen*.

Mit dem Begriff "Gott" umzugehen ist - gerade in global-kultureller Aufgeklärtheit - schwieriger denn je zuvor. Die Frage "Glaubst du an Gott?" zu beantworten, ist unmöglich ohne die Gegenfrage "Was meinst du mit 'Gott'?". Die Zeiten eines sich aus lokal-kultureller Begrenztheit ergebenden Konsenses (z.B. ein höchstes Wesen, das so und so ist; ein übernatürlicher Akteur, dessen Eigenschaften studierte Theologen festschreiben, o. a.) sind längst vorbei. Brahman und Nirvana, Urgrund, EINsicht und Kitchi-Manitu finden sich mittlerweile auch unter deutschen Hausnummern und in postmodernen Updates.

Manchmal scheint es dann naheliegend, den Begriff "Gott" besser aufzugeben. Dabei unterliegt auch dieser Begriff und das jeweils angekoppelte Bewusstsein im Laufe der Geschichte stetiger Wandlung - rückblickend vielleicht: Entwicklung -; nicht im Sinne einer Anpassung an das Äußerlich-Kulturelle, sondern einer kollektiven Bewusstseinsweitung (welche selbstredend nicht immer einhergeht mit einem individuellen Pendant), denn bei aller Vielfalt gleitet "Gott" erstaunlicherweise weder in Beliebigkeit ab, noch scheint "er" auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zurechtgestutz.

Auch der Verfasser von Mentio schreibt manchmal etwas von "Gott" - wohlwissend, auf welch glattes Parkett er sich damit begibt. Er will sich nicht erklären, was er denn unter "Gott" versteht (oder anders: Er könnte es auch gar nicht - "akonzeptual"), und nimmt es rechtfertigungslos in Kauf, dass ihm vielleicht damit dieser oder jener Glaube unterstellt wird. Aber er denkt, dass eine Benennung, diese Benennung, alles andere als ein Anachronismus ist. Und er denkt nicht, dass "Gott" aus der Öffentlichkeit herausgehalten werden sollte. Allerdings sollten festschreibende Konzepte aus "Gott" herausgehalten werden. "Mit den Göttern bringt der Mensch Gott hervor". Mindestens zur Toleranz sollte dies mahnen.


He's like a pearl on the deep bottom,
wondering inside his shell:
"Where is the ocean"?



*In Kürze dargestellt: Das Auge ist im Laufe der Evolution als Reaktion auf das Vorhandensein von elektromagnetischer Strahlung (Licht als Ausschnitt daraus) evolviert, das Ohr als Reaktion von Dichteschwankungen in einem Medium (Schall), der Fuß als Reaktion auf Fußboden, die Flosse als Reaktion auf Wasser, usw. usf. Die Evolution hat Licht nicht erfunden, sondern nur durch das Hervorbringen eines rezeptiven Organs darauf reagiert. H. v. Ditfurth stellte die Frage in den Raum, warum das beim Gehirn und seiner Geistbefähigung anders gewesen sein sollte.



Zum Sonntag und Abschluss noch am Rande erwähnt:

7 Kommentar(e) erwähnt:

tom-ate hat gesagt…

Ob Gott den Menschen oder der Mensch sich seinen Gott erschuf... über diese Frage wird's wohl nie Einigkeit geben. Umso wichtiger ist da die Wahrung der Toleranz. Ob Brights, Agnostiker, Zweifelnde oder Gläubige, alle wollen wenigstens leben.

Thialfi hat gesagt…

Und das sollen sie, tom-ate, jeder so, wie er es gern möchte und für richtig erachtet ;-)
Gruß von Andrej

Ingo hat gesagt…

Eine gute, schlüssige, gültige Formulierung dessen, was Gott ist, ist schon wichtig. Sonst wäre es kein Wunder, wenn wir unsere Welt entseelen (siehe nächster Beitrag). Die Entseelung der Welt ist die schlichteste Folge der Tatsache, daß wir keinen auch nur annähernden Konsens mehr darüber besitzen, was Gott eigentlich sein könnte.

Und zwar nicht nur als philosophische Formulierung, künstlerischer Ausdruck oder wissenschaftliche Formel, sondern auch einfach schlicht im Alltagshandeln.

- Gott ist vielleicht dort am nächsten, wo im menschlichen Bereich am meisten zerstört worden ist.

Wir gehören als Menschen größeren Gruppen an, vor allem jenen Gruppen von Menschen, die unsere eigene Muttersprache sprechen. Muttersprache ist von Gott, anders kann man es doch nicht sehen. Was alles liegt in einem gesprochenen Wort. Muttersprache ist Heimat. Und auch die Kultur derer, die die gleiche Muttersprache wie man selbst sprechen, ist von Gott. Hier ist jeder Gott am nächsten.

Natürlich jeder in SEINER Muttersprache und im Nachvollzug des geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Schicksals SEINER eigenen muttersprachlichen Gruppierung.

Es ist sehr, sehr leichtfertig, wenn man in unserer Zeit so billig glaubt, auf die Berücksichtigung dieser größeren, mitmenschlichen Zusammenhänge verzichten zu dürfen und nur glaubt, im Zusammenhang mit dem Widergöttlichen über solche Zusammenhänge überhaupt glaubt, nachdenken zu dürfen.

WENN es irgendeinen Weg gibt, über den wir zu Gott kommen, dann muß er beim Eigensten anfangen und dort auch wieder aufhören. So denke ich zumindest.

Sisyphos hat gesagt…

@Ingo
Ist ein "Konsens, was Gott ist" wirklich notwendig, um eine "Entseelung" der Welt zu vermeiden?
Ich kenne viele Menschen, die ohne an Gott zu glauben (was natürlich auch ein Konsens ist) gegen die "Entseelung" der Welt arbeiten.

Ingo hat gesagt…

Sisyphos,

für mich ist Gott und Seele mehr oder weniger gleichbedeutend.

Aber natürlich wäre es auch schon ausreichend, wenn wir zu einem Konsens darüber hinfänden, was Seele und was Entseelung bedeutet.

Auch auch da hat sicherlich jeder so seine eigenen Vorstellungen, oder?

Noah hat gesagt…

Das wäre schon sehr sehr viel, wenn Gott und Seele als gleichbedeutend angenommen würden.

Das lasse ich mal so stehen, und danke euch herzlich für eure Kommentare!

Gernot H. hat gesagt…

Ob Gott es wichtig ist, wie wir ihn sehen...