Passend zur Mentio "Die 5%-Hürde" erschien heute in der Zeitung "Schleswig-Holstein am Sonntag" eine Rezension des Buches "Nudge: Improving Decisions about Health, Wealth, an Happiness" von Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein. Darin heißt es:
"Thaler und Sunstein bescheinigen uns die Neigung, häufig irrational zu entscheiden, verführbar zu sein. Zu Handlungsoptionen, die uns oder anderen schaden. Insofern brauche der Mensch gelegentlich einen "Nudge", einen kleinen Stupser, um auf den Pfad der Tugend geführt zu werden.
Dabei setzen die beiden Autoren auf die neuesten Erkenntnisse der Verhaltensforschung über den "Herdentrieb"; wenn genügend Menschen das Richtige tun, folgen ihnen über Kurz oder Lang alle."
Der Rezensent, Jan-Hendrik Dany, gerät am Ende in die kritisierende Fragestellung, ob es wirklich sinnvoll sei, "auf der Einbahnstraße in Richtung Auslöschung sämtlicher menschlicher Unzulänglichkeiten weiter aufs Gaspedal zu treten", spricht schließlich von "Moraldiktatur", "Tugendterror" als einer "einzigen Horrorvorstellung" und von einem "Gutmenschen-Totalitarismus" (mit dem polemischen Begriff des "Gutmenschen" hatte ich mich ja bereits in der Mentio "Wer hat's erfunden?" beschäftigt).
Da es kaum möglich sein dürfte, die Befähigung der Menschen zum "Gut-Sein" derart zu überschätzen, scheint mir in der Äußerung einer solchen Befürchtung die Sorge um Überforderung zu liegen; oder deutlicher: Die fehlende Motivation, die eigene bequeme Unbeweglichkeit aufzugeben.
Einer ähnlichen Haltung begegnet man immer wieder in zeitgenössischen "spirituellen" Strömungen, denen gelegentlich Begriffe wie "Wellness-Buddhismus" oder (eigentlich in fälschlichem Gebrauch) "Esoterik" zugeordnet werden. In Berufung auf das (insbesondere daoistische) "Yin und Yang" wird hier gleichsam einer tiefschürfenden Weisheit behauptet, man bräuchte das Böse, um das Gute zu erkennen. Unverständig wird so eine Erkenntnisphilosophie in ein Handlungs- und Denkwertesystem umgebaut. Und in ebenso falschem Verständnis wird der "mittlere Pfad" der buddhistischen Lehre in absurder Weise gelegentlich umgemünzt in einen "mittleren Weg", der sogar ein gewisses Quantum an "Bosheit" im Menschen als notwendig, gar glücksfördernd voraussetze. Das korrespondiert zur verbreiteten westlichen Mentalität solcher Strömungen, dass (philosophisch-)spirituelle Erkenntnis mehr oder weniger ein leicht verfügbares Geschenk sei, in Ignoranz gegenüber den oft lebenslangen Wegen östlicher (und in der Kontemplation auch westlicher) Geistesschulung.
Der Dalai Lama hat einmal die westlichen Menschen davor gewarnt, nur den östlichen Religionen und Philosophien nachzulaufen und die eigenen Wurzeln zu vernachlässigen. Das hier Beschriebene lässt seine Menschenkenntnis erkennen. Erinnern wir uns also - frei nach Paulus Brief an die Christen in Rom 7, 18-25 - an unsere religiös-kulturellen Wurzeln, und erwähnen abschließend noch am Rande:
Ich weiß wohl, daß der Mensch von Natur aus nicht gut ist. Deshalb werde ich niemals nur das Gute tun können, so sehr ich mich auch darum bemühe. Ich will zwar immer wieder Gutes tun und tue doch das Schlechte; ich verabscheue das Böse, aber ich tue es dennoch. Wenn ich also immer wieder gegen meine Absicht handle, dann ist klar, dass es die Schwäche meines Egos in mir ist, die mich zu allem Bösen verführt. Ich mache immer wieder dieselbe Erfahrung: Das Gute will ich tun, aber ich tue das Böse.
Ich spüre eine Sehnsucht nach dem Guten in mir, nach etwas, das manche "das göttliche Gesetz" nennen, und wünsche mir nichts sehnlicher, als es zu erfüllen. Dennoch handle ich nach einem anderen Gesetz, das in mir wohnt. Dieser Widerspruch zwischen meiner richtigen Einsicht und meinem falschen Handeln beweist, dass ich ein Gefangener der Schwäche und meines Egos bin. Ich unglückseliger Mensch! Wer wird mich jemals aus dieser Gefangenschaft befreien?
Gott sei Dank! Es gab und gibt Menschen, die mir Wege aus dieser Gefangenschaft zeigen. Und das "göttliche Gesetz" in mir möge mich davor bewahren, diese Menschen jemals als "totalitäre Gutmenschen" zu bezeichnen.

2 Kommentar(e) erwähnt:
Wirklich guter Post, Noah. Gefällt mir gut, wie Du das analysiert hast. Und mit den weisen Worten seiner Heiligkeit des Dalai Lama kann ich mich auch gut identifizieren, obwohl ich auch eher zu den Menschen gehöre, die meist das Gute wollen und das Böse/Falsche tun.
Schon allein aus diesem Grunde wird es keine Diktatur der "Gutmenschen" geben können. Es sind derer zu wenig, die den spirituellen Weg des Friedens und des Guten zu beschreiten im Stande sind.
Aber esist nun wirklich kein besonders intelligentes Argument von den Autoren des erwähnten Buches, dass man das Böse tun müsse, weil man sonst das Gute nicht erkennen könne. Das halte ich für blanken Schwachsinn.
Sicher geprägt von der Angst, wie Du schon richtig erkannt hast, sich irgendwie verändern und bewegen zu müssen.
In einem Punkt muss ich Dir, mein lieber Freund, aber doch widersprechen: wenn ich mich an "unsere" religiös-kulturellen Wurzeln denke, dann sind das nicht gerade die christlichen, denn es gab auch Religion und Kultur, lange vor der 2.000jährigen Dominanz des Christentums über das Abendland. Aber das sei ;-) nur am Rande erwähnt, mein Freund.
Liebe Grüße sendet Andrej
Vielen Dank für die Anmerkungen, lieber Andrej. :-)
Ich denke schon, das das Christentum unsere heutigen abendländisch-kulturellen Wurzeln wesentlich geprägt hat. Das bedeutet natürlich nicht, dass alles ok war, was da so lief und läuft. Und klar hast du Recht, dass es auch vor dem Christentum Religion und Kultur gab, von der ja auch viel im abendländischen Christentum aufgegangen ist.
Nur am Rande erwähnt: Die Autoren hatten nicht argumentiert, das Böse zu tun, um das Gute zu erkennen. Das liegt mehr im Kontext gewisser spiritueller Strömungen.
Einen schönen Restsonntag wünsche ich dir, mein Freund!
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