Freitag, 29. Mai 2009

Normoralität und )Ethik(

"Nein danke, aus ethischen Gründen bin ich Veganer."
"Übertreibst du es da nicht ein wenig?"


Wenn der Erwähner gelegentlich mal äußert, dass es für ihn aus ethischen Gründen nicht vertretbar sei, Leid und Tod von Tieren zu seinem "Nutzen" in Kauf zu nehmen, entsteht Manchem leicht das Missverständnis eines konfrontativen Vorwurfs. Da dies auch hier bei Mentio der Fall sein könnte, sei hiermit am Rande eine kurze Klarstellung erwähnt.

Abseits des umgangssprachlichen synonymen Gebrauchs zu "Moral" meint der Begriff "Ethik" im eigentlichen Sinne die Moralphilosophie, also - um es mit einfachen Worten zu sagen - das Nachdenken über Moral, und ggf. eine Positionierung zu geltender Moral.

Der Gebrauch tierischer Produkte lässt sich in unserer Gesellschaft nicht als unmoralisch bezeichnen, denn er entspricht dem moralischen Konsens. Vereinfacht gesagt ist dieser Konsens gebildet durch eine durchschnittsorientierte Norm, besser: eine (gewachsene) Normalität. Die Ausrichtung und Bemessung des eigenen Verhaltens an dieser Norm(alität) legitimiert das Sprechen in Kategorien wie Angemessenheit oder Übertreibung. Eine solche Bemessung bewegt sich allerdings nicht auf argumentativer Ebene; erfahrungsgemäß stellt diese Norm(alität) in den allermeisten Fällen eine unreflektierte Moral dar. "Unethisch" meint daher im eigentlichen Sinne nicht "unmoralisch", sondern eine nicht - oder nur unzureichend - reflektierte Moral.

Die beiden Sätze in dem kurzen Eingangsgespräch, wie es so tatsächlich immer wieder vorkommt und daher zur beispielhaften Verdeutlichung des Inhaltes dieser Mentio dienen soll, passen folglich nicht zueinander. Der erste Satz verweist auf ein Handeln aus einer moralphilosophischen Position heraus; die entgegnete Frage hingegen erfolgt auf der Grundlage einer Bemessung an der Norm(alität) als moralischem Konsens.

Eine Bewertung ist damit per se noch nicht verbunden. Das Nachdenken über Moral kann zu dem Ergebnis führen, dass die bestehende Moral entweder bestätigt, oder aber in Frage gestellt, oder verworfen wird. So gesehen kann ein "unethischer Mensch" durchaus moralisch leben - er reflektiert die geltende Moral lediglich nicht -, hingegen ließe sich "Veganismus" sogar als unmoralisch - weil vom Moral-Konsens (deutlich) abweichend - bezeichnen.

Was der Verfasser auch hier bei Mentio gelegentlich thematisiert, ist also nicht mangelnde Moral (z.B. in Sachen Umgang mit Tieren), sondern mangelndes Nachdenken über die geltende Moral (z.B. im Umgang mit Tieren). Er bezieht klar Position dazu, dass in unserer heutigen Gesellschaft, beim zeitgenössischen Stand des (tier-)ethischen Diskurses, vor dem Hintergrund unserer (Sozial-)Geschichte und mit den modernen Möglichkeiten der Informationstechnik, Ethik nicht mehr aus der Moral als unserer bewertenden und anleitenden Handlungsgrundlage ausgeklammert werden darf. Eine Moral, die sich unreflektiert nur aus dem ergibt, was schon immer so war und was alle machen (ebenso eine Ethik, die all jene Aspekte blockiert, die unbequem werden könnten), mag menschlich sein. Ob sie so aber dem Anspruch genügt, den unsere selbstgewählte Gattungsbezeichnung postuliert, dürfte wohl mehr als fraglich sein.

Doch wie gesagt, das alles sei nur mal am Rande erwähnt.

9 Kommentar(e) erwähnt:

Thialfi hat gesagt…

Sehr richtig, Noah, wenn alle, wir alle, nur ein klein wenig mehr nachdenken würden bevor wir dann handeln, würden wir vermutlich weit weniger Mist machen, als jemals zuvor. Aber das mit dem nachdenken und reflektieren ist immer so eine Sache.
Schon das Reflektieren zieht immer oder zumindest meistens eine Änderung des Verhaltens nach sich, wenn man sich über die Folgen im Klaren wird, die das Handeln hat! Darum denken so wenige Menschen darüebr nach was sie tun und wie sie handeln, weil sie sich nicht bewegen, nicht verändern wollen. Sie denken doch alle:"Wenn ich ich jetzt ändere, z.B. kein Fleisch mehr esse, wie erkläre ich das den anderen?" Dabei ist doch nicht das Problem, jemand anderem zu erklären das und warum man etwas geändert hat. Es ist die Aufgabe derjenigen die sich nicht ändern wollen zu erklären, warum sie an als falsch erkanntem Handeln festhalten.
Als ich beschlossen habe keinen Alkohol mehr zu trinken, fragten mich einige Leute aus der Verwandtschaft, warum ich mich quasi ausserhalb der Gemeinschaft stelle? Das muss man sich mal überlegen, man fragt mich, warum ich mich aus der Gemeinschaft ausschliesse, weil ich keinen Alkohol mehr trinke. Macht mich etwa das Saufen zu einem vollwertigen Mitgleid der menschlichen Gesellschaft? Oder das fressen von Fleisch? Als ich begann Seitan zu essen, warf mir meine Mutter vor, ich würde ihr die Freude am Grillen verderben, weil ich ihr Fleisch und ihre Bratwürste nicht mehr fressen wollte!
So habe ich nun beschlossen, ausserhalb der Gesellschaft ein einsames und entsagungsreichen Leben zu fristen *heul* und ich habe festgestellt - es tut mir gut und es macht mir Spass.
Natürlich darf ich wieder zu Geburtstagen kommen und ich kriege was zu essen, was kein Fleisch ist. Das ist ja schon mal ein guter Anfang. Und was den Alkohol betrifft, niemand findet es mehr merkwürdig. Die meisten trinken auch keinen mehr und haben festgestellt, dass alkoholfreies Bier sehr gut schmecken kann!
Das Beste habe ich mir jetzt für den Schluss dieses Kommentars aufgehoben. Mein Verhalten änderte ich, als ich begann mein bisheriges Verhalten zu reflektieren und zu hinterfragen und ich kam zu dem Schluss:"Du musst mit der Veränderung beginnen und nicht darauf warten, dass es ein anderer tut!"
In dem Sinne, Noah, danke für den ein ganz klein wenig schwer zu lesenden, aber dennoch sehr lesenswerten Artikel, der den Kern der Sache hervorragend trifft.

Liebe Grüße sendet Dir mit den besten Wünschen für ein perfektes Wochenende,
Andrej

Sisyphos hat gesagt…

Das ist ein interessanter Aspekt in unserer Gesellschaft: Wer aus ethischen Gründen etwas tut oder unterlässt, wird fast regelmäßig der Übertreibung bezichtigt. Es geht hier wohl auch nach dem Motto: Die Prinzipien sind dafür da, das man sie verletzt. Man wird schnell zum Spinner gestempelt.

Gernot H. hat gesagt…

Ich musste bei euren Beiträgen ein paar Mal schmunzeln - kam mir so bekannt vor - auch wenn meine Überlegungen mich vorerst zu anderen Resultaten gebracht haben. Aber das muss/sollte ohnehin jede(r) für sich selbst rausfinden.

Zumindest ein bisschen doof scheine ich jedenfalls zu sein, denn ich weiß nicht ganz ob ich dich richtig verstanden habe - aus moralischen Gründen kann ich nicht Vegetarier sein???

Alles Gute

Thialfi hat gesagt…

Es leben die Spinner!

Noah hat gesagt…

Ihr habt Recht, es ist zunächst so, als würde man geächtet. In meinem Fall war die Akzeptanz im Kollegen- und Bekanntenkreis allerdings höher als in der eigenen Verwandtschaft. Erst nach und nach, über einen langen Zeitraum, wurde der "Spleen" akzeptiert (und auch nicht von jedem uneingeschränkt) - aber mit den Gründen hat sich niemand wirklich eingehend beschäftigt, und diese werden - nach meinem Eindruck - sogar vermieden. Das ist, was so schnell problematisch wird, wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt.

Gernot, gemeint war unmoralisch [wertneutral] im Sinne vom Norm-Konsens abweichend. Ich finde Vegetarismus unmoralisch gut. ;-)

Danke euch, und noch schöne Pfingsttage!

kunstseidenes hat gesagt…

Diese "Ächtung" kenne ich auch - allerdings in anderer Form. Viele sagen (und zwar sowohl bei Alkohol als auch bei Fleisch, ich konsumiere beides nicht): Naja, ich trinke/esse das auch gar nicht mehr so viel.
Als sei ich das wandelnde schlechte Gewissen.
Weniger nette Zeitgenossen versuchen dagegen alles ins lächerliche zu ziehen ("Die armen Karotten haben auch ein Recht auf Leben").
Auffällig ist jedenfalls, dass offenbar niemand den Satz "Nein danke, ich esse kein Fleisch" einfach so stehen lassen kann. Da wird nach Gründen gefragt, versteidigt, gerechtfertigt, gewertet, angegriffen...hat das vielleicht doch wieder mit ethischen Hintergründen zu tun?

Noah hat gesagt…

kunstseidenes,
das entspricht auch meiner Erfahrung (siehe "Der Todeskampf der Kartoffel im Kochtopf").
Über die Gründe könnte ich nur mutmaßen; das steht mir vielleicht nicht zu, auch wenn es gelegentlich in die Tastatur rutschen sollte...

tom-ate hat gesagt…

Dieser Beitrag ist wieder einmal ein sprachliches und ethisches Meisterwerk. Von der Moral ganz zu schweigen.

Hut ab und Gruß
tom-ate

Noah hat gesagt…

Danke. :-)