Sonntag, 3. Mai 2009

Die 5%-Hürde

Kennen Sie das auch? Am Eingang des Supermarktes stehen haufenweise Fahrräder im Weg, während der überdachte Fahrradständer gleich daneben so gut wie unbenutzt und leer ist.

In unserer Straße befindet sich eine Kirche. Jeden Sonntag morgen kommen die Gottesdienstbesucher mit ihren Autos. Parken die Ersten auf der Fahrbahn am Straßenrand, so wie das Parken dort vorgesehen ist, stellen alle anderen ihre Fahrzeuge korrekt dahinter ab. Parken die Ersten jedoch mit zwei Rädern halb auf dem Gehweg, stellen die nächsten ebenso (unzulässig und den Gehweg einengend) ihr Auto dahinter ab - so wie heute morgen auch.

Beispiele solcher Art lassen sich in vielfältiger Weise und allenortens beobachten. Die Frage, warum das so ist, beschäftigt mich schon lange. Schließlich nannte ich den Menschen einen Hering, und stellte die Frage, was es braucht, um einen Richtungswechsel von menschlichen Schwärmen einzuleiten.

Die einfache Antwort wurde mir nun vor kurzem in einer Fernsehsendung gegeben. Dort hatte man zu einer Veranstaltung am Eingang auf Tischen einige tausend Gummi-Enten aufgebaut (ohne Bezug zum Thema der Veranstaltung). Eine Anzahl Personen wurde instruiert, beim Betreten des Veranstaltungssaales kommentarlos einfach eine Ente vom Tisch zu nehmen. Es dauerte nicht lange, und die Tische waren leer. Jede der nachfolgenden Personen hatte es einfach den Vorausgehenden nachgemacht, ohne Aufforderung, und - um es so zu sagen - ohne Sinn und Verstand. Verdeutlicht werden sollte damit das Ergebnis einer Studie, nach dem lediglich 5% der Personen einer Menschenmenge irgend etwas tun müssen, damit die restliche Menge beginnt, das Gleiche zu tun. Dabei kommt es nicht darauf an, dass die 5% der "führenden" Personen besonders charismatisch sind, nicht, dass sie besonders gut aussehen, nicht, dass es besonders vernünftig oder intelligent ist, was sie tun.

Natürlich spielen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene weitere Faktoren eine Rolle, jedoch gilt das Prinzip grundsätzlich auch hier. Daher lässt sich insoweit auch nicht wirklich auf Bewusstseinsveränderung bauen, wenn man z.B. im Bereich ökologischen Denkens und Handelns etwas verändern möchte.

"Ja, für großformatige Veränderungen lässt sich nicht auf die Summe individueller Einsichtsfähigkeiten bauen.

(...) Die Ökologie-Welle der 80er Jahre,die Ökonomie-Welle der 90er Jahre, das Klimawandelbewusstsein der 00er Jahre waren/sind Richtungsänderungen des Schwarms, aber keine tiefgreifenden, stabilen Bewusstseinserweiterungen der Menschheit (wenn auch entsprechende Auswirkungen daraus erwachsen könnten). (...)"

schrieb ich bereits hier. Um einen stabilen, dauerhaften und durchgreifenden Kulturwandel herbeizuführen, bedarf es also eines gewissen Prozentsatzes von Menschen, die eine Richtung vorgeben und dabei wahrnehmbar genug sind, den Schwarm mitzuziehen; dazu (möglichst unter Kenntnis einiger Regeln) eine gewisse Aus- und Zeitdauer, die es ermöglicht, genügend Menschen, das Gros der Masse, nicht nur auf einer Welle schwimmen zu lassen, sondern grundlegend zu prägen, damit diese Prägung schließlich auch in die nächsten Generationen hinein verwurzelt wird. Die Lautstärke und Ausdauer der "Öko-Bewegung" hat hier durchaus Chancen, dies eines Tages zu erreichen - auch, wenn sie immer wieder mal Gegenwind (wie den des aktuellen Umgangs mit der Wirtschaftskrise) zu bewältigen hat.

Das mag Manchen zunächst erschrecken - leugnet es doch in gewisser Weise die Mündigkeit, Freiheitlichkeit und das Verantwortungsbewusstsein des Menschen. Ich selbst sehe das eher pragmatisch. Die Fähigkeit zur Mündigkeit und Freiheitlichkeit, die Fähigkeit, sein Bewusstsein tatsächlich auch zu verändern und zu weiten, ist dem Einzelnen damit ja nicht abgesprochen. Im Übrigen aber braucht es nicht den Rufer in der Wüste, sondern 5 Prozent.

Der Gottesdienst ist mittlerweile zu Ende, und der Gehweg wieder frei. Doch das sei nur noch am Rande erwähnt.

2 Kommentar(e) erwähnt:

Thialfi hat gesagt…

Guter Artikel, lieber Noah.
Diese Gedanken treiben mich auch schon eine ganze weile um und sie haben mich zu dem Schluss gebracht, dass die sogenannte 5%-Hürde bei Wahlen nicht von Ungefähr ausgerechnet bei 5% liegt.
Einmal ist dies ein psychologischer schwellenwert, der dazu führt, dass Wähler glauben, ihre Wahlstimme sei "verschenkt", wenn sie diese einer Partei geben, die dauerhaft unter diesen 5% liegt.
Für die Herrschenden ist sie ein Alarmsignal, das ihnen aufzeigt, wann sie MNassnahmen ergreifen müssen, um ihre Macht zu sichern.
Hier kommt es ausschliesslich auf die Ausdauer an und die Fähigkeit, Menschen von der Richtigkeit der eigenen Ideenzu überzeugen.
So haben es die Grünen gemacht. Nachdem sie Über Jahrzehnte vom Verfassungsschutz beobachtet und von den etablierten PArteien diskreditiert wurden, schafften sie es dann endlich doch an die Macht und an die "Fleischtöpfe" des Staates. Freilich um den Preis des Verrats eines Großteils der politischen Ideale. So wurde das scharfe Schwert grüner sozialer und umweltbewusster Politik entschärft und ihm die Spitze genommen.
Ich glaube es wird Zeit für eine neuerliche ökologisch-politische Revolution. Einem neuerlichen Marsch durch die Institutionen, allerdings ohne diesmal selbst Teil der abgelehnten Institutionen zu werden ;-)
Gruß von Thialfi

Noah hat gesagt…

Danke, Thialfi.

In der Tat habe ich auch daran gedacht, dass die wahlrechtliche 5%-Hürde womöglich mehr ist, als eine geschichtlich entstandene Pluralitätsbremse.

Und damit der (auch unter Vernunft-Gesichtspunkten sinnvolle) ökologische Gedanke in die Kultur weitergehender und dauerhaft geprägt werden kann, ist es wichtig, dass Menschen wie du den Gedanken wahrnehmbar und über 5% halten. Danke auch dafür!